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Untamed – Ungezähmt

 

Diese letzte Woche war ich eingeladen, an einer Performance-Recherche teilzunehmen, bei der es um Wildheit ging. Was für ein spannendes Thema – und eines, das mich schon mein ganzes Leben anzieht. Seit den 90er-Jahren besitze ich das Buch „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estes – auf Englisch „Women Who Run with the Wolves“ (Wild Woman Archetype) – und die Lust, Geschichten daraus in ein performatives Format zu bringen, hat mich nie verlassen. Die Künstlerinnen, die mich eingeladen hatten, waren zwischen 18 und 27 Jahre jünger als ich und kannten dieses Buch ebenfalls. Die Anziehungskraft gegenüber dem eigenen inneren wilden Anteil verliert anscheinend nie an Stärke.

 

Was ist wild oder Wildheit? Wo befindet sie sich in mir? Wann rennt sie frei?

Ist sie nur chaotisch und ungezügelt, oder hat sie im Gegenteil einen stillen Fokus?

Ganz besonders standen die Knochen im Mittelpunkt der Recherche – als ein Teil des Körpers, der nicht vergeht. Welche Erinnerungen liegen in den Knochen?

 

Ganz konkret haben wir uns mit der Geschichte „La Loba“ auseinandergesetzt.

Alt, fettleibig und behaart lebt sie in Wüste und Wald und sammelt Wolfsknochen. Wenn der letzte Knochen im Skelett seinen Platz findet, singt La Loba über die Knochen und bringt die Kreatur zum Leben. Die Wölfin springt auf und rennt in die Weite, wo sie sich in eine lachende Frau verwandelt.

 

Am Ende der Woche hatten wir ein Showing und einen Austausch mit den Anwesenden in intimer Runde. Sie hatten Fragen bekommen, und die Rückmeldungen waren überraschend tief und offen. Komischerweise haben nur die Frauen gesprochen. Eine Zuschauerin hatte die Frage: „Wo beginnt das Wilde in mir?“ In ihrem Versuch zu antworten, sprach sie von Verbundenheit. Das Wilde äußert sich, wenn sie mit sich selbst in Verbindung geht und die Verbundenheit in ihrem Körper und in ihrem Sein wahrnimmt.

 

Ich fand das eine wunderbare Antwort. Sie hat mich sehr an die Feldenkrais®-Arbeit denken lassen.

Zu „wild“ fallen mir Begriffe ein wie ursprünglich, authentisch, natürlich, ohne Scham (was nicht schamlos ist), ungezähmt. Man weiß, wer man ist. Und das lernt man in den Feldenkrais®-Stunden – nicht nur im Denken, sondern auf allen Seinsebenen.

 

Moshé Feldenkrais meinte, dass er den Menschen ihre eigene Würde zurückgeben möchte. Wenn ich ein Wort mit Wildheit assoziiere, dann ist es Würde. Es gibt keine „wilden“ Kreaturen auf dieser Erde, die nicht inhärent würdevoll sind.

 

Vielleicht beginnt das Wilde genau dort, wo wir wieder beginnen nach innen zu lauschen. Genau diese Qualität des aufmerksamen Spürens – auch der vergessenen oder versteckten Anteile unseres Seins – begegnet mir immer wieder in den Feldenkrais®-Stunden.

 

Moshé Feldenkrais wollte, dass wir wieder wirklich denken – selbst denken. Darin liegt für mich etwas zutiefst Ungezähmtes: den eigenen Wahrnehmungen zu trauen, nicht nur angepasst zu reagieren, sondern die eigene innere Orientierung wiederzufinden.

 

Food for thought!

Olivia

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