Die Leere in mir

 

Als Kind dachte ich, eine weibliche Inkarnation von Jesus Christus zu sein.

Schlussendlich war die Welt immer noch zu retten und sicherlich würde es besser klappen mit einer Frau.

Das war lange Zeit eine starke Überzeugung. In dieser eher religiösen Phase hatte ich in meinem Zimmer, hinter einem Paravent, einen kleinen Altar aufgebaut, wo ich betete oder einfach tagträumte.

Und regelmäßig ging ich zu unserer lokalen Kirche und legte Edelsteinchen aus Strass der Marien-Statue zu Füßen, damit sie mich unterstützen möge.

 

 

Später, als Teenager, war ich fasziniert von dem Spruch: " Der Mensch benutzt nur 16% von seinen geistigen Fähigkeiten." Dies soll Albert Einstein gesagt haben, aber diese Behauptung ist weder historisch noch wissenschaftlich belegt –  dennoch habe ich mich damals ernsthaft gefragt, was ich studieren müsste, um dies zu recherchieren. Wer oder was wären wir, wenn uns die übrigen 84% zur Verfügung stehen würden?

 

 

Ich habe mich dann für den Tanz entschieden und bin darstellende Künstlerin geworden.

 

 

Ich erzähle euch dies, weil ich schon als sehr junger Mensch beschäftigt war mit großen Themen, wie eine spirituelle Lehrerin sein oder das menschliche Potential erforschen.

 

 

Meine Mutter war stark an Persönlichkeitsentwicklung und Esoterik interessiert. Makrobiotisch ernährt, bin ich aufgewachsen mit Tarot, Numerologie und Pendelbotschaften. Meine Mutter war ein wenig wie eine moderne Hexe. Ihre Tarotsitzungen waren tief psychologisch und sehr beliebt.

Mein Vater studierte erst Film & Fotografie und entwickelte sich dann in seinem zweiten Beruf zum Shiatsu-Therapeuten.

Von zu Hause aus bekam ich also diese Mischung aus Geistigem und Körperlichem vorgelebt.

 

 

Ich hatte eine schöne Kindheit, bemerkenswerte Eltern, ich war gut in der Schule und wurde eine erfolgreiche Tänzerin (in dem Sinne, dass ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen konnte, ohne noch 3 andere Jobs haben zu müssen). Ich bin gereist, habe in unterschiedlichen Länder gelebt und gearbeitet, begegnete tollen Menschen, …

 

 

Aber… in meinen Tagebüchern stand jahrelang immer dasselbe: ich spürte eine Leere in mir, ich suchte Sinn, etwas fehlte, meine Beziehungen scheiterten, ich war unzufrieden mit meinem Leben, ich fühlte mich nicht richtig lebendig…

 

 

Ich war 33 Jahre alt, als Tänzerin fest am Tanztheater Basel engagiert, auf der Suche nach neuen Wegen meinen Körper zu "warten", weil das konventionelle Tanztraining meinem älterwerdenden Tanzkörper kein Gutes mehr tat. Eine Kollegin (mit Bandenscheibenvorfall) hatte die Feldenkrais®-Ausbildung angefangen und lud eine kleine Gruppe Tanzkolleg*innen zu sich nach Hause ein, um zusammen Lektionen zu machen.

 

 

Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Anfangs war ich enorm frustriert und irritiert. Ich konnte nur wahrnehmen, was alles nicht ging mit meinem Körper. Ich wurde stark mit meinen Emotionen und inneren Einstellungen konfrontiert. Aber die Stunden zeigten Wirkung in meinem Tanzalltag, und dies nicht nur körperlich, sondern auch in meiner Haltung meinem Beruf gegenüber und überhaupt meinem Leben gegenüber. Ich ruhte mehr in mir selbst, der Druck, gut sein zu müssen wich vor der Akzeptanz meiner Person auf allen Ebenen. Meine Beziehungen zu anderen Menschen änderten sich, ich war mir mehr bewusst darüber, wie ich auf andere reagiere.

 

 

Da entschied ich mich, die Feldenkrais®-Ausbildung zu machen. Meine Motivationen waren, obwohl ich damals schon starke Hüftschmerzen hatte (Arthrose), ganz klar anderer Natur. Ich spürte, wenn ich auf der Matte lag, dass diese Arbeit mich in einen Prozess brachte, wo die innere Leere, die ich trotz eines wunderbaren Berufs und eines tollen Lebens mitschleppte, nicht mehr spürbar war – weil es so viel anderes zu spüren gab. Es war wie ein direkter Weg zu meinem Kern, zu meinem innersten Wesen. Zunächst auf die mir vertraute Art und Weise, über den Körper und über Bewegung, aber die Spielregeln waren so anders als im Tanz, dass ich das schon sehr bald eher mit Meditation verglich, als mit reiner Körperarbeit. Es war eine stille Begegnung mit mir selbst, ohne Anforderungen von Aussen, ohne bestimmtes Ziel, außer mit mir selbst Zeit zu verbringen, und alle Ebenen meines Seins zusammen zu fügen.

 

 

Jetzt, Jahre später, wächst mein Enthusiasmus für und mein Vertrauen in diese Arbeit einfach immer weiter. Jede Lehrerin und jeder Lehrer praktiziert die Arbeit aus einer etwas anderen Perspektive und hat einen anderen Fokus. Man könnte bei mir nun denken, dass ich, als Performerin, hauptsächlich die körperliche Wirkung schätze und weitergeben möchte. Dies ist tatsächlich nur bedingt so. Für mich ist der grösste Nutzen der Feldenkrais®-Arbeit anderer Natur!  

Dies ist eine sehr persönliche Ansicht, weil die Methode sich nicht einengen lässt auf nur einen Aspekt, aber genau das ist es, was mich immer wieder begeistert und motiviert. 

                                

 

Ich praktiziere Feldenkrais®, weil ich damit zu Hause ankomme, weil ich die Leere in mir nicht mehr spüre, weil ich buchstäblich ein "besserer" Mensch bin.                                                      

Es ist ein Reifungs- oder auch Ganzwerdungsprozess.

 

 

Und so komme ich zurück zu den Themen meiner Kindheit und Jugend: die Vereinigung von Körper & Geist, etwas Wichtiges und Tiefes unterrichten oder weitergeben, und last but not least: das Erforschen unseres menschlichen Potentials.

 

 

Das macht mich tief glücklich.

 

 

 

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