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Das Körperschema der Angst – Die erste Reaktion

Leben ist zeitgebunden und Zeit kann man nicht fixieren.

Leben ist ein Prozeß des Tuns, für den man sich innerlich organisieren muß, um den Veränderungen draußen begegnen oder sie bewirken zu können.

Bei Angst wird unsere innere Organisation inadäquat, dementsprechend auch unsere Handlungen.

Angst tritt ein, wenn wir zuinnerst wissen, daß wir keine Wahl haben – keine alternative Handlungsweise.

Je mehr unsere Absichten und Handlungen festgelegt sind, desto weniger wirksam sind sie.

Änderung oder Anpassung ist sehr schwierig, wenn keine Alternativen abzusehen sind. Dann resignieren wir, beschränken uns, finden uns damit ab, daß wir mit unseren Schwierigkeiten nicht fertigwerden.

 

Was passiert eigentlich in uns, wenn wir Angst haben und warum geschieht genau das?

 

In der Physiologie ist ein Instinkt eine komplexe Integration angeborener, unbedingter Reflexe, zum Unterschied von erworbenen und bedingten. Die angeborenen Reflexe sind charakteristisch für das Zentralnervensystem vielen Tiergattungen. Sie sind ererbt und ihr Entstehen daher weitgehend unabhängig von individueller Erfahrung. 

 

Unter allen Instinkten hemmt nur einen Bewegung, nämlich die Furcht. Wenn ein Tier erschrickt, erstarrt es, rennt es davon oder kämpft es. Im einen wie in den anderen Fällen hält es zunächst kurz inne. Dieses Innehalten wird erzeugt von der ersten Reaktion auf den Reiz, der die Furcht ausgelöst hat: einer heftigen Kontraktion sämtlicher Beuger, vor allem im Bauch, und einem Anhalten des Atems, worauf bald eine ganze Reihe vasomotorischer Störungen folgt, z.B. beschleunigter Puls, Schwitzen, auch Harnlassen und sogar Stuhlentleerung.

 

Beim Beugen des Knies zieht sich die Kniesehne zusammen. Ihr Gegenwirker, der Quadriceps – ein Streckmuskel, der gegen die Schwerkraft arbeitet – , kann sich daher nicht genügend zusammenziehen, um das Knie zu strecken. Die Kontraktion der Beuger hemmt ihre Antagonisten, die Strecker, die wir auch als die Muskulatur verstehen können, welche der Schwerkraft entgegenwirkt. Keine Fortbewegung ist möglich, bevor diese erste Reaktion vorüber ist. Eine solche erste Hemmung der Strecker geht zusammen mit all den Empfindungen, von denen Angst begleitet wird.

 

Auf den ersten Blick mag das überraschen. Man würde als erstes eher eine Reaktion erwarten, die das bedrohte Tier so schnell wie möglich aus der Gefahrzone entfernt.

Der heftige Reiz erzeugt eine Kontraktion sämtlicher Beuger, und diese erste Kontraktion löst in den Strecker dann den Streckreflex aus. Diese werden dadurch eines größeren Kraftaufwands fähig: Kampf oder Flucht.

Die erste Kontraktion der Beuger erlaubt dem Tier aber auch, zu erstarren und sich tot zu stellen, wenn die Gefahr zu nah ist. Alle übrigen Störungen oder Nebenerscheinungen entstehen durch ein Ansteigen des Adrenalinspiegels im Blut: eine Vorbereitung für heftige Anstrengungen des Herzens und der übrigen Muskulatur (Fight or Flight).

 

Warum nun diese heftige Kontraktion?

 

Ein Neugeborenes ist für langsame und geringe äußere Reize so gut wie unempfindlich (Licht, Geräusch, Geruch, sogar mäßiges Zwicken). Wenn man es aber abrupt senkt oder ihm seine Unterlage oder Stütze plötzlich entzieht, wird man eine heftige Kontraktion aller seiner Beuger beobachten sowie ein Anhalten des Atems, gefolgt von Weinen und die oben erwähnten vasomotorischen Störungen (Moro-Reflex oder Umklammerungsreflex).

Das Neugeborene der auf Bäumen lebenden Primaten hat, wenn es vom Baum fällt, einige Aussicht zu überleben, wenn sein Brustkorb durch eine heftige Kontraktion der Bauchmuskulatur federnd gemacht und der Atem angehalten wird bei – durch die allgemeine Kontraktion der Beuger – vom Boden weggebeugten Kopf. Dies verhindert, daß der Hinterkopf auf den Boden schlägt, und sorgt überdies dafür, daß die Körperstelle, die auf den Boden prallt, an einer stark gebeugten Wirbelsäule ist und zwar in der Gegend der unteren Brustwirbel oder noch weiter unten und dem Schwerpunkt noch näher. So wird der Aufschlag zu einem tangentialen Stoß in Richtung der Rückgratstruktur beiderseits der Aufschlagstelle und wird von den Knochen, Bändern und Muskeln abgefangen, statt zu den inneren Organen weitergeleitet zu werden und den Körper tödlich zu verletzen. Man darf annehmen, daß dies ein entscheidender selektiver Faktor war. Die überlebende Art hat daher diese genaue und angeborene Reaktion aufs Fallen.

"Die Ansätze zu seiner Haltung und zu seinem Körperverhalten hat der Mensch nicht auf dem Boden, sondern auf den Bäumen erworben." (Sir Arthur Keith)

Die erste Erfahrung von Angst, mit ihrer ganzen Reihe von Reflexen, ist die Reaktion aufs Fallen. Die Fallangst ist angeboren, ererbt und bedarf keiner eigenen Erfahrung, um wirksam zu werden.

 

Die Ähnlichkeit der Reaktionen eines Neugeborenen, wenn man ihm die stützende Unterlage entzieht, mit denen eines Erwachsenen auf Furcht und Erschrecken ist bemerkenswert.

 

Was hat dies nun mit uns im 21. Jahrhundert zu tun?

Lese dazu den nächsten Artikel (in Vorbereitung).

 

 

(Quelle: "Die Entdeckung des Selbstverständlichen" – Moshé Feldenkrais)

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